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Wie wird man mit Wein Millionär?

Der in Potsdam lebende Günther Jauch hörte im Jahr 2015 mit seinem Polit-Talk auf und arbeitet nun öfter im eigenen Weinberg an der Saar.

Günther Jauch

Von Olaf Majer, Märkische Allgemeine Zeitung 

Wenn Sie als Arbeiter im Weinberg loslegen: Was machen Sie am liebsten?
Ich habe schon überall mitgemacht. Aber entscheidend ist für mich die Frage, wo ich dem Weingut am meisten helfen kann. Wenn ich also im Weinberg stehe und unsere Saisonarbeitskräfte anfangen zu lachen, weil ich in der Weinlese zu langsam oder zu ungeschickt bin, dann mache ich doch lieber Telefondienst im Sekretariat. Und sicher ist es eher meine Stärke, das Weingut nach außen hin zu repräsentieren. Das kann eine Weinmesse, aber auch mal ein nettes Dinner sein, wo unsere Weine gereicht werden und ich für von Othegraven werbe.

Vor fünf Jahren haben Sie sich als Azubi im Weinbau beschrieben. Sind Sie heute weiter?
Ganz ehrlich: Viel nicht. Meine Frau ist immer noch der größere Weinexperte von uns beiden. Aber wir haben auch eine exzellente Mannschaft hier auf dem Weingut. Auf diese geballte Fachkompetenz kann ich mich verlassen. Da will ich auch gar nicht allzu sehr stören.

2010 haben Sie das familieneigene Weingut von Othegraven an der Saar vor dem Verkauf an Fremde gerettet und selbst übernommen, Ende 2015 ihre Talksendung in der ARD aufgegeben. Was war die bessere Entscheidung von beiden?
Naja, dass ich meinen Vertrag mit der ARD nicht verlängert habe, hat mir schon ganz andere zeitliche Möglichkeiten eröffnet, hier mitzuarbeiten. Als ich noch die Talkshow „Günther Jauch“ hatte, war ich ab Mittwochabend ununterbrochen in Berlin redaktionell eingebunden. Nach der Sendung bin ich Montagmorgen mit der Frühmaschine nach Köln geflogen, um dort meine RTL-Sendungen zu machen und mich um meine Produktionsfirma zu kümmern. Das ist jetzt natürlich anders. Ich habe schlicht mehr Zeit, mich auch ums Weingut zu kümmern.  

Gibt es ein Leben nach dem Fernsehen für einen Fernsehmoderator? Sie haben mal gesagt, nach einem dreiviertel Jahr haben einen die Leute vergessen.
Ist ein bisschen zugespitzt. Aber klar: Wer völlig vom Bildschirm verschwindet, der wird nach einem dreiviertel Jahr von den ersten 100 000 Menschen im Land vergessen. Dieser Umstand würde mich jedoch nicht hindern, aufzuhören. Ich gehöre mit Sicherheit nicht zu denjenigen, die man irgendwann mit Gewalt aus dem TV-Studio heraustragen muss. Aber ich bin immer noch sehr gut ausgelastet.

Der Spiegel nannte Sie mal eine antizyklische Figur, ein Überbleibsel des alten Familienfernsehens. Ist das Fernsehen als wärmendes Lagerfeuer für alle erloschen?
Sicher, die Fernsehlandschaft ändert sich. Und dass ich nicht mehr 30 oder 40 bin, ist mir auch klar. Aber ich habe in meinem Fernsehleben viele Dinge gemacht und sie lange durchgehalten, weil sie mir Spaß gemacht haben. Zum Beispiel „Stern TV“ über 20 Jahre lang. Dazu viele Jahre die Champions League oder Skispringen, das ZDF-Sportstudio auch über zehn Jahre. „Wer wird Millionär?“ läuft jetzt schon 17 Jahre. Aber ich habe für mich immer den Zeitpunkt des Aufhörens selbst bestimmt. Ich schaue da immer mit Freude, aber ganz sicher nicht mit Wehmut zurück.

Dabei hat es der Telefonjoker aus "Wer wird Millionär?" sogar in den Duden geschafft ...
... nun ja, eine gewisse Erinnerung wird ja vielleicht auch bleiben. Trotzdem sind TV-Sendungen ja im Allgemeinen nicht im Thomas-Mann-Bereich anzusiedeln. Fernsehen ist ein flüchtiges Medium. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Ist das der große Unterschied zu Ihrer Arbeit als Winzer?
Das ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, aber der „Gault-Millau“ hat letztens die Haltbarkeit unserer Beeren- und Trockenbeerenauslesen bewertet. Da stand das Jahr 2100 plus. Man kann also noch im nächsten Jahrtausend unseren Wein genießen. Heißt also: An mich wird sich keiner mehr erinnern. Aber der Wein ist dann immer noch da. Hoffentlich.

Also ist auch der Erfolg ganz anders messbar?
Das ist der größte Unterschied. Im Fernsehen können Sie praktisch jeden Tag eine Sendung machen und bekommen am nächsten Tag über Einschaltquote und TV-Kritik das Ergebnis präsentiert. Beim Wein bekommen Sie nur einmal im Jahr die Quote. Wenn ich das für mein Leben hochrechne, dann habe ich bei von Othegraven vielleicht noch 20 oder 25 „Sendungen“, die ich machen kann. Und da wird auch mal ein Hagelschaden im Frühjahr oder eine extreme Trockenheit im Sommer dabei sein. Das heißt: Im Weinberg ist der Erfolg viel langfristiger angelegt und viel mehr durch die Natur bestimmt.

Plötzlich wird der Wetterbericht wichtiger als die Einschaltquote?
Genauso ist es. Wenn mein Geschäftsführer Andreas Barth mich anruft und sagt: Es müsste in den nächsten Tagen ordentlich regnen, sonst können wir diesen Jahrgang vergessen, hänge ich alle fünf bis zehn Minuten mit dem Smartphone am regionalen Regenradar.

Finden Sie trotzdem mehr innere Ruhe und Gelassenheit auf dem Weingut?
Jein. Als uns früher das Gut noch nicht gehörte, wir aber oft auf Besuch hier waren, konnte ich entspannt auf der Terrasse sitzen und bei einem schönen Kabinettwein den Sonnenuntergang samt Rascheln der Blätter im Park genießen. Das war nah dran am Paradies. Wenn man aber selbst für das Weingut verantwortlich ist, kümmert man sich um den Aufsitzmäher, der gerade nicht anspringt. Das Kontemplative, diese Beschaulichkeit und geistige Entspannung, die viele Menschen mit einem Winzer-Dasein verbinden, hat mit der Lebenswirklichkeit nicht immer viel zu tun. Wir wollen aber wieder mehr zu dieser inneren Ruhe zurückfinden. Denn es ist schon wirklich sehr, sehr schön hier.

Das ausführliche Interview lesen Sie in der Märkischen Allgemeinen.

Foto: DPA