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Dennis Freitag: 22 Jahre, Fischer, Kapitän

Er ist der jüngste Fischer mit einem Kapitänspatent. Von Travemünde aus fährt Dennis Freitag zur See. Dort ist kein Tag wie der andere.

Dennis-Freitag

Von Alessandra Röder, Lübecker Nachrichten

Für Dennis Freitag ist dieser Moment jedes Mal wieder aufregend. Wenn die dröhnende Maschine langsam seine Netze aus den Tiefen des Meeres hievt und immer weiter in den Kutter zieht. Kurz bevor der Fang sichtbar ist, malt er sich aus, was wohl in den feinen Maschen hängen geblieben ist. Vielleicht ist diesmal ein Heilbutt dabei? Oder sogar eine Seezunge? Die ist selten und lässt sich für gutes Geld verkaufen.

Sein Boot schaukelt ruhig, während der Netzholer arbeitet. Das Wasser vor Grömitz glänzt an diesem warmen Sommermorgen in der Sonne, dem jungen Fischer brennt sie in den Nacken. Doch dann kippt die Stimmung. An der Netzleine kleben bräunliche Algen. „Kein gutes Zeichen“, murmelt Freitag.

Das Meer ist immer für eine Überraschung gut

Und tatsächlich: Das Netz ist voll mit Seegras. Die feinen Haare haben sich fest um die Netzmaschen geschlungen, unter Wasser bilden sie eine Wand, in die sich nur wenige Fische verirren. Der Seetang wachse, weil in den warmen Monaten Dünger im Wasser lande, sagt Freitag. Der junge Fischer nimmt es jedoch gelassen. „Dat gehört nu ma dazu. Immer wieder wat Neues“, sagt er mit norddeutschen Dialekt.

Das Meer ist immer für eine Überraschung gut. Das macht es nicht immer einfach auf See. Zimperlich darf Freitag jedenfalls nicht sein, wenn der Kutter im Winter bei Minusgraden und kaltem Wind rausfährt und das Eiswasser beim Netze einholen auf der Haut brennt. Nicht selten beginnt sein Arbeitstag um 3 Uhr morgens.

„Ich bin nur glücklich, wenn ich auf dem Wasser arbeiten kann“

Schließlich sollen die frisch gefangenen Fische an den Hafenbuden möglichst schnell verkauft werden. Und die Natur bestimmt seinen Rhythmus, manchmal muss nur der Wind ungünstig stehen und der Fang bleibt aus. Das klingt nicht für jeden jungen Menschen nach einem Traumberuf.

Der Fischer kann sich jedoch keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen. Auf seinem Handy hat er unzählige Bilder von fantastischen Sonnenuntergängen, die er erlebt hat. „Ich bin nur glücklich, wenn ich auf dem Wasser arbeiten kann“, sagt Dennis Freitag.

Mit elf Jahren ging sein Wunsch in Erfüllung

Das wusste er schon früh. Während die anderen Kinder davon träumten, Feuerwehrmann oder Polizist zu werden, beobachtete er als kleiner Junge im Travemünder Hafen, wie die Fischer mit ihren Kuttern herausfuhren. Damals stand er mit seinem Vater hinter einer Verkaufsbude und sehnte sich danach, sie zu begleiten. Mit elf Jahren ging sein Wunsch in Erfüllung.

Vor seiner ersten Fahrt mit der „Christoph“ konnte er vor Aufregung kaum schlafen. Er weiß noch, dass es an diesem Tag einen Sturm gab, so heftig, dass Kapitän Harry Lüdtke ihn unter Deck schickte. Am liebsten erinnert er sich aber an das prall gefüllte Netz, das vor lauter Dorschen fast platzte. Größer als er selbst seien die gewesen. An diesem Tag lernte er seinen zukünftigen Chef kennen. Zwölf Jahre später steuert er denselben Kutter zu der nächsten Stelle, an der er in der Nacht zuvor die Netze ausgelegt hat.

Freitag ist es gewohnt, der Jüngste zu sein

Alle Netze zusammen bilden eine 7000 Meter lange Falle unter Wasser. Das rote Schiff prescht über die Wellen und lässt das Wasser an den Seiten hochspritzen. Über ihm kreisen kreischend die Möwen und gieren nach Fisch. Freitags blau-weiß kariertes Fischerhemd hängt locker am schmalen Körper, die Gummistiefel stehen etwas von seiner Wade ab.

Er steht in dem Führerhäuschen und beißt in ein belegtes Brötchen, dass er sich um fünf Uhr früh beim Bäcker geholt hat. Dort trifft er sich jeden Morgen mit den anderen Fischern auf einen Kaffee, bevor es auf See geht. Der 23-Jährige sitzt dann mit etwa 60 Jahre alten Seebären zusammen. Freitag ist es gewohnt, der Jüngste zu sein.

„Vielleicht bin ich hier irgendwann der Letzte“

Er war auch deutschlandweit der jüngste Fischer, der ein Kapitänspatent gemacht hat. Da er in der Schule sowieso an nichts anderes denken konnte, als wieder raus zu fahren, ist er mit 15 Jahren gegangen und ließ sich zu dem ausbilden, was er immer sein wollte. Jetzt macht er bald seinen Meister und wird wohl irgendwann die Werft von seinem Chef übernehmen. „Vielleicht bin ich hier irgendwann der Letzte. Dann liege ich zwischen den Yachten“, scherzt er.

Aber Fisch würden die Leute ja immer wollen. „Und das Meer kann uns niemand wegnehmen“, sagt er und schmeißt wieder den Netzholer an. Aus dem Wasser taucht das Netz auf: Es ist prall gefüllt mit Fischen. Freitags Augen leuchten, während er die Schollen, Graubutte und Dorsche mit geschickten Handgriffen aus den Netzen klaubt und in die mit Eis gefüllten Kisten verteilt. „Dat is doch gleich ein ganz anderes Gefühl. Dafür macht man doch das alles “, sagt er zufrieden. Und dann holt er tatsächlich eine Seezunge aus dem Netz.

Der Artikel stammt von den Lübecker Nachrichten.