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Flüchtling Nader Ismail: „Endlich angekommen“

Der Syrer dokumentierte seine wochenlange Flucht – jetzt arbeitet er als Fotograf in Hannover für die Neue Presse.

Nader Ismail, Neue Presse Hannover

Von Britta Lüers, Neue Presse

„Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Kamera. Sonst sterbe ich. Meine Kamera ist mein Leben.“ Nader Ismail (24) sagt das mit einer Bestimmtheit, die keinen Raum für Zweifel lässt. Der Mann mit den fast schwarzen Augen ist Fotograf – und er ist ein Flüchtling. Geboren in Syrien. Verfolgt und misshandelt vom Assad-Regime. Auf der Flucht vor der IS-Miliz. Seit zehn Monaten lebt der 24-Jährige in Hannover. Die NP konnte ihn als Fotografen für die Flüchtlingsserie gewinnen.

Ismails Flucht begann am 16. Juni 2013. Bis dahin hatte der Fotograf und Journalist in der Hafenstadt Latakia gelebt, 70 Kilometer südlich der türkischen Grenze. Seine Eltern und eine Schwester leben noch dort. „Ich arbeitete für eine politische Organisation, habe aktiv an der Revolution mitgewirkt“, sagt er. Doch seine Fotos von Gräueltaten des Regimes machten ihn zum Staatsfeind: „Irgendwann wurde ich verhaftet. Sie steckten mich in Einzelhaft.“ Es folgten Misshandlungen, Verhöre. Ismail: „Sie wollten Namen aus mir herausbekommen.“ Mehrfach schnitten sie mit Messern in seinen linken Arm, drohten, ihn abzutrennen: „Sie wollten mich einschüchtern, damit ich nie wieder fotografiere.“

Nach mehreren Monaten kam Nader Ismail frei. Mit drei langen Narben auf dem Arm, noch heute deutlich zu erkennen. Misshandelt, schikaniert, aber nicht gebrochen: „Ich war frei, aber ich fühlte mich nicht mehr sicher. Mir blieb nur die Flucht.“ Ein Taxi brachte ihn raus aus dem Land: nach Beirut, wo Ismail drei Wochen bei einem Freund unterkam. Dann weiter in die Türkei. Neun Monate blieb er in Gaziantep. Er arbeitete wieder als Journalist und Fotograf und engagierte sich politisch: „Aber auch in der Türkei fühlte ich mich nicht sicher, nicht willkommen. Die IS-Kämpfer wurden zur immer größeren Gefahr für mich.“

„Mir blieb nur die Flucht.“

Er fand einen Schlepper und zahlte ihm 6000 Euro. „Uns wurde versprochen, dass es ein gutes Boot sei“, erzählt er. Zusammen mit 120 Syrern – „viele Frauen und Kinder waren an Bord“ – fuhr er sieben Tage über das Mittelmeer.

Fühlte er sich auf dem Meer endlich frei? „Die meiste Zeit fühlte ich überhaupt nichts.“ Aber immer wieder kam der Gedanke „Was kommt danach?“. „Am dritten Tag war das Trinkwasser aufgebraucht. Wir tranken Motorwasser. Es war gelb.“ Ismail erzählt von Sturmnächten: „Das Boot flog von einer Seite zur anderen. Alle haben um ihr Leben geschrien.“ Und auch er hatte Angst: „Aber was hatte ich für eine andere Chance?“ Wer über das Mittelmeer flieht, brauche viel Glück, sagt Nader: „Oder man stirbt. Was anderes bleibt nicht.“

Ismail hatte Glück. Herzlichkeit und Wärme empfing er jedoch nur selten. Die ersten Worte, die er und die anderen Flüchtlinge auf Sizilien hörten, waren: „Geht weg!“ Es war die Küstenpolizei. Italien, Frankreich und irgendwann Deutschland: „Ich war lange unterwegs. Aber mein Ziel war immer Deutschland.“ Warum? „Weil Deutschland das beste Beispiel dafür ist, dass selbst aus dem Schlechten irgendwann sehr viel Gutes werden kann. Diese Geschichte wünsche ich mir auch für mein Land.“ Am 13. Oktober kam er nach Ahlem. Bis vor einem Monat lebte Ismail in der ehemaligen Schule: „Dann wurde ich bestohlen. Man nahm mir meine beiden Laptops mit allen meinen Bildern. Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben.“ Er dachte an Selbstmord. Die Polizei fand seinen Laptop wieder, im Nachbarzimmer. Nader Ismail durfte in die Containersiedlung auf der anderen Straßenseite ziehen. Im September zieht er wieder um. Ismail: „Nach Linden. In meine eigene Wohnung. Endlich bin ich angekommen.“

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Bildnachweis: Joachim Sielski